Rezensionen


Kleine ÄngsteEine Geschichte von Dirk Riegert nach Motiven des Erzählspiels Kleine Ängste.
Sprachaufnahmen: Voice Art Düsseldorf
Erzähler: Reinhard Schulat
Aufnahmeleitung und Sprachregie: Martin Ruiz Torreblanca
Produziert, arrangiert und gemastert Januar 2004 im Nachtschichtstudio von Tobias Hahn und Dirk Riegert
Klavier: Tobias Hahn
Artwork: Oliver Schlemmer
Coverart: Marko Djurdjevic und Oliver Schlemmer

Fairy tales do not tell children the dragons exist. Children already know that dragons exist. Fairy tales tell children the dragons can be killed.
– G. K. Chesterton

DollyVor einigen Jahre brachte der Mannheimer Verlag Feder und Schwert eine Übersetzung des Rollenspiels Little Fears auf den Markt, unter dem Titel Kleine Ängste. Teil der Veröffentlichungsstrategie war eine enge Zusammenarbeit mit der Gothic-Band Janus, die nicht nur einen Soundtrack zum Spiel veröffentlichten (Welcher der limitierten Fassung ihres Albums Auferstehung beilag), sondern auch das vorliegende Hörspiel. Das Hörspiel folgt in 28 Minuten und sieben Tracks die Erlebnisse der sieben Jahre alten Dolores…

LemurenDie Geschichte beginnt damit, das Dolly nachts von einer bösen whispernden Stimme geweckt wird. Zunächst scheint es so, als sei es die Stimme ihres Teddys Ben, doch nach und nach wird immer deutlicher das es mit Ben mehr auf sich hat als es scheint. Die Stimme führt Dolly in das geheimnisvolle Land unter dem Bett, ein Ort voller Monster und Geheimnisse. Als sie das Land betreten finden sie sich auf dem Friedhof der Hoffnungen wieder, wo lauter Kinderhoffnungen begraben liegen. Hier lauern aber auch die Lemuren, finstere Schattenwesen welche Kinder jagen die hierher finden. Dolly kann ihnen entkommen, aber Ben führt sie dabei weiter in das Land unter dem Bett hinein…

Die Welt steht Kopf Den Lemuren entkommen findet sich Dolly in einer Art Wüste wieder, in der sich seltsame Bäume befinden – die Baumfrauen, schreiende Wesen die Kinderseelen umklammern und nie mehr hergeben. Hier deutet Ben auch an das dieses Land auf Dollys wünsche reagiert, aber dennoch eigene Regeln und Ziele hat – und das Ben sie Zwar beschützt, dennoch aber eigene Pläne verfolgt. Auf Bens Hinweis hin das es sich um ihre Welt handelt wünscht sie sich das sie verschwindet, und zu ihrem entsetzen verschwindet die Welt, und Dolly stürzt in die Dunkelheit hinab…

Der Sturz endet in eine finstere und dunkle Höhle, in der sich eine riesige, unheimliche Kreatur befindet, ein Sammler – eine eklige Mischung aus Spinnen, Mann und Alptraum welches blind im Schlamm nach kleinen, runden Dingen sucht um sie zu essen – Kinderaugen.Als die Kreatur Dolly hört flieht sie mit Bens Hilfe weiter in die Dunkelheit hinein, an einen sicheren Ort, einem Ort an dem sich Dolly, so lange sie die Augen geschlossen hält, warm und sicher fühlt. Aber selbst hier ist Dolly nicht wirklich sicher – denn die Stimme, die aus ihrem Teddy spricht, deutet an, wovor Dolly wirklich davonläuft, und wem sie wirklich dient. Als Dolly die Augen öffnet, gerät sie an das Ende des Landes. (Bild: Kinderaugen)

Eine kalte, trostlose Ebene erstreckt sich vor ihr, begrenzt durch eine riesige Mauer aus schwarzen Steinen und umringt von trostlosen, seelenlosen Kindern. Dolly gelingt es zu Bens Überraschung das zu finden, was er als „Die Letzte Tür“ bezeichnet, den einzigen Durchgang durch die Mauer. Die Tür führt einen entweder zu seinen schlimmsten Alptraum oder nach Hause. Sie kämpft darum, die Tür zu öffnen während Ben auf sie einredet und ihr ihre schlimmste Angst vor Augen führt, als die Tür sich plötzlich öffnet, und der Zuhörer erkennen muss das manchmal Zuhause der schlimmste Alptraum sein kann…

Fazit:
Das Rollenspiel Kleine Ängste behandelt sowohl „kindlichen Horror“ als auch die konkreten Schrecken des Kindesmissbrauchs, und auch das Hörspiel wandelt auf diesen sehr schmalen Grat, ohne etwas zu verharmlosen oder verherrlichen. Statt dessen gelingt es dem Sprecher und den Autoren hier dem Zuhörer ein Gefühl für die Angst und Verzweiflung zu vermitteln die ein Kind fühlen kann, vor allem wenn seine größte Angst nicht die Monster unter dem Bett ist…
Dem Hörspiel gelingt es, ein Verbrechen zu thematisieren das in unserer Gesellschaft immer noch sehr oft totgeschwiegen wird, ohne zu billigem Effekthascherei greifen zu müssen. Ein sehr gutes Hörbuch, das aber durch seine Thematik nicht für Jedermann geeignet ist.

Das Copyright des Coverbildes liegt bei der Band Janus bzw. bei den Künstlern. Für alle anderen im Artikel verwendeten Bildern liegt das Copyright bei der Künstlerin Ilona Greff, und wurden mit ihrer freundlichen Erlaubnis verwendet. Ihre weiteren Arbeiten können hier eingesehen werden.

Advertisements

Edition Nautilus im Verlag Lutz Schulenburg
Hamburg 2010

ISBN-10 3894017287
ISBN-13 978-3894017286

„Schlagzeilen versperren der Wahrheit den Weg.“

Am 17. Juli 1932 war ein SA-Aufmarsch[1] in der Stärke von 7000-Mann vom Polizeipräsidenten der Stadt Hamburg-Altona – Otto Eggerstedt[2] – genehmigt worden; angekündigt war ein Demonstrationszug durch die Altonaer Altstadt (auch „Klein-Moskau“ genannt), in der vorwiegend die sozialdemokratisch- oder kommunistisch-gesinnte Arbeiterschaft lebte. Beim Demonstrationszug durch die Große Marienstraße, die Schauenburgerstraße und Johannisstraße kam es zunächst nur zu verbalen Auseinandersetzungen (Anstimmen der „Internationalen“ als Reaktion auf die Schmährufe der Marschierenden), später dann gezielte Angriffe mit Wurfgeschossen und Waffen, wie Totschlägern und Karabinern durch die SA an den Zuschauern, ungeachtet Alter, Geschlecht oder politischer Positionierung. Es fielen zwei Schüsse, zwei Mitglieder der SA wurden getötet, woraufhin die Altonaer Polizei folgerte, von Dächern und den Häusern angegriffen zu werden. Sie evakuierten den Demonstrationszug, schossen auf Häuser, Dächer und Fenster, durchsuchten die Häuser, verhafteten 90 Personen und erschossen – bzw. „starben im Kugelhagel“ – sechzehn Menschen der Wohnbevölkerung[3]. Wer für den Tod der zwei SA-Angehörigen verantwortlich ist, ist unbekannt; hingerichtet wurden vier Kommunisten – Bruno Tesch, Walter Möller, Karl Wolff und August Lütgens[4] – nach einem Sondertribunal der NSDAP am 1.August 1933.

„Mein Name ist Klara Schindler. Ich werde einen Menschen töten. Vorsätzlich, aber nicht aus niederen Beweggründen, es ist meine Pflicht.“[5]

Protagonistin des Romans ist die bei der Hamburger Volkszeitung angestellte Reporterin und überzeugte Kommunistin Klara Schindler. Mithilfe eines Aufnahmegerätes[6] sammelt sie Zeugenaussagen und Berichte über den Altonaer Blutsonntag, mit dem Ziel einer Veröffentlichung dieser Aussagen und, mehr noch, um dieses Verbrechen aufzuklären und den Tätern ihrer gerechten Strafe, damit der Gerechtigkeit zuzuführen: „Es ging mal wieder um Strategie, nicht um Wahrheit. Spricht die Wahrheit keine deutliche Sprache? Muss man Mörder nicht anklagen? Brauchen die revolutionären Massen nicht ein Ziel, müssen sie nicht aufgepeitscht werden in ihrem Gerechtigkeitsstreben, und hilft es da nicht, wenn man die Namen der Verbrecher nennt, denen das Blut der Arbeiter an den Händen klebt?“[7]
Die Stärke des Buches liegt in der Dokumentation dieser Aussagen; in ihnen prahlen Lebenssituation der Arbeiter und Handwerker und damit ihrer (mehr oder weniger) demokratischen, damit politischen Gesinnung aufeinander. Es ist ein auf Authentizität ausgelegtes Zeit- und Sittenbild von Altona der 1930er Jahre. Auffallend dabei ist die Dichotomie der Aussagen, die drei bzw. eher zwei große politische Lager erkennen lässt: Kommunisten / Sozialdemokraten und Sympathisanten und Mitglieder von NSDAP/SA bzw. SS, die sich beide durch Radikalität und fehlendes Verständnis für demokratische und faire Spielregeln auszeichnen.

„Warum stehen die Arbeiter nicht auf und folgen ihrer Bestimmung? Warum, zum Donnerwetter, verläuft die Geschichte nicht so, wie es ihr vorherbestimmt ist?“

So auch Klara. Als überzeugte, dennoch intelligente junge Frau und Kommunistin angelegt, tritt sie als die Zeichen der Zeit verkennende, phrasendreschende Figur auf, die zwar Kant, Rousseau und Marx gelesen, aber wenig Wissen über die praktische Umsetzung dieser Ideologie (vor allem in Sowjetrussland) vorzuweisen hat. Sie ist eine Figur der Widersprüche, wenig fassbar für den Leser; sie bietet keinerlei Identifikationspotential, weil ihre Vehemenz, ihre Intoleranz gegenüber politisch Andersdenkenden, ihre Ignoranz gegenüber sich nicht mit ihrer Meinung deckenden Argumentationen, ihre politische und auch persönliche Naivität eine Idee von ihrer Umsetzung zu unterscheiden, sich als Konfliktpotential erweisen. Sie ist anderen Argumentationslinien nicht zugängig, agiert emotional und unsachlich und zeigt sich damit nicht in der vom Autor beschriebenen Intelligenz:

„Na Mädchen, dann sieh mal her! […] Das sind Arbeiterhände. Und glaub bloß nicht, dass ich nicht ins Schwitzen komme, wenn ich durchführe, was ihr ständig propagiert. Ich praktiziere Enteignung.“
„Zum persönlichen Gewinn.“
„Na und? Wenn alle so beherzt zugreifen würden, dann wären eure Feinde bald mittellos. Meine Faust ist nicht leer, da steckt ein Schweißbrenner drin.“
“Sie propagieren planlose Anarchie!“
„Anarchie? Meinetwegen, aber weißt du denn, wie genau ich planen muss, bevor ich losschlage?“
„Es ist sinnentleerter Individualismus.“
„Ganz genau, bravo! Was bleibt mir denn übrig in einer sinnentleerten Welt? Ich hab mein Sach auf nichts gestellt.“[8]

Konfrontationen dieser Art dienen wahrscheinlich dazu, das politische Profil der Figur, aber auch ihre Beständigkeit und ihre Durchsetzungskraft, ihren Sinn für Gerechtigkeit darzustellen und den Weg vorzuweisen – den des meisten Widerstandes – den sie gehen wird, um ein „Zeichen gegen den Nazismus“ (Klappentext) zu setzen. Dem Autor ist es, meiner Ansicht nach, dennoch nicht gelungen mir die Motivation der Figur, sich überhaupt für diese Ereignisse zu interessieren, zu erläutern, mir ihre Art und Weise zu leben und zu handeln nachvollziehbar zu machen und – in letzter Konsequenz – ihre Form des Widerstand als etwas Höheres zu werten, als einen durch Selbstjustiz und damit niederen Beweggrund („Vorsätzlich, aber nicht aus niederen Beweggründen…“, siehe [5]) provozierten Mordversuch.

„Es ist doch… mein Kampf, und ich stehe allein.“[9]

Viel weniger verständlich als die Motivation von Klara, ist die der anderen Charaktere ihr zu helfen, sie zu unterstützen oder auch nur ihr in Gesprächen zu begegnen. Eingeführt werden Diebe (Ludwig Rinke), Seemänner (Bandura), Straßenkinder (Elly, Paul), gescheiterte Künstler (Kurt), Polizisten (Weber, Behn) – Sie alle bleiben Rollenbilder, Pappkameraden ohne Innenleben, die bewegungslos wie Schaufensterpuppen sind und, aufgrund ihres fehlenden emotionalen Kostüms, nur wenig zum Handlungsverlauf beitragen können. Sie dienen eher als Reibepunkte, als Konfrontation für Klara. Mit Bedauern allerdings stellt der geneigte Leser fest, dass ausgerechnet die Figuren, die auf ihre Art und Weise ihr gegenüber Widerstand leisten, nur wenig Eigenleben bekommen, wie Bandura, der Seemann, von Klara als „Anarchist“ bezeichnet, weil er den von ihr als Vorbild verehrten Sowjetkommunismus unter Stalin kritisiert und als Diktatur bezeichnet: „Diktatur ist immer das Gegenteil von Freiheit, egal in wessen Namen sie errichtet wird.“[10] Nicht die erste stilistische Spitze, die dem Leser zu gefallen weiß:

„Die Schranktür blieb offen, so dass Klara die Buchrücken betrachten konnte. Es waren philosophische Werke: Machiavelli, Hobbes, Spinoza, Descartes, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche.
„Da fehlen Rousseau, Kant und Marx“, stellte sie fest.
[…] Während er vorsichtig einschenkte, sagte er: „Der Schwärmer, den Tugendbolzen und den Kirchenvater der Zwangsarbeit hab ich absichtlich liegen lassen. Lasse ich immer wieder liegen.“ […]“[11]

Treffsichere Analysen von Zeitphänomen, politischen Richtungen und auch Menschen, die eher unbeteiligt in der Handlung ihre Rolle wahrnehmen („Der Stellvertreter, ein untersetzter Mann mit Buchhalterbrille und klebrigen Haaren, war der Meinung, dass Politik und Kultur das Gleiche seien und man deshalb auf Kultur im Kulturteil verzichten könnte. „Umgekehrt wird ein Schuh draus“, hatte Klara ihm in einer Diskussion darauf geantwortet. Seitdem polemisierte er, so oft er konnte, gegen ihr „kleinbürgerliches Kunstverständnis“.“[12]) bleiben allerdings in dem 250-Seiten starken, dialoglastigen Roman eine Seltenheit; es regiert ideologie-verzerrtes Sprechen (Selbst Klara sich ein neues Sprechen frei von „hohler Propaganda“ wünscht, spricht nur von „Massenstreiks“, dem „Volkseigentum“, dem „Klassenfeind“.), Treffen von Allgemeinplätzen bzw. starken Pauschalisierungen. Es fehlt an poetischer Verbindung, an sprachlichen Bildern, an emotionalen Beschreibungen allgemein, die ein tieferes Bild der Protagonisten hätte geben können und vielleicht damit die Motivationen der Figuren logischer hätte erscheinen lassen.

Fazit:

Sprachlich wenig versiert, wird der Leser mit dem Hamburg der 1930er Jahre konfrontiert; mit Dieben, Seemännern, Kommunisten, Angehörigen der SA versucht Robert Brack ein authentisches Bild zu zeichnen und politische sowie soziale Eindrücke der Alltagswelt einzufangen; es misslingt ihm mehr auf inhaltlicher denn sprachlicher Ebene. Die Protagonistin ist in ihrer Rolle wenig überzeugend und bittet kein Identifikationspotential, es fehlt gänzlich am Innenleben, an Motivationen, Gefühlen und nachvollziehbaren Gedanken. Sie ist Fleisch, aber kein Mensch.

Abschließend bleibt eine Korrektur bzw. die Erweiterung um eine Position. Brack schreibt: „Ohnmächtig ist der Einzelmensch im Taumel der Weltgeschichte, und voller Schrecken muss er zusehen, wie alles, was geschieht, nicht so geschieht, wie es geschehen sollte.“[13] Dem möchte ich etwas gegenüber stellen: „Never doubt that a small group of committed people can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has.“ – Margaret Mead.

~*~

[1] Unter dem Kabinett Franz von Papens wurde das Verbot von SA und SS (verhängt am 13. April 1932, von Reichswehrminister Wilhelm Groener durchgesetzt, in der Regierungszeit von Reichskanzler Heinrich Brüning (Zentrum), zur Verhinderung von Putschversuchen und Stabilisierung des politischen Systems: „… je nach ihrer parteipolitischen Einstellung mehr oder weniger offen die Beseitigung der SA´s begrüßen, da sie sich durch deren Bestand in ihrem politischen Dasein bedroht fühlen.“ (A.L. Mannes: Heinrich Brüning. Leben, Wirken, Schicksal. Olzog, München 1999)) aufgehoben, um eine Tolerierung, gar Unterstützung der Minderheitenregierung zu erwirken. In Folge kam es zu passiv-politischen, aber auch offen- aggressiven Zusammenstößen der politischen Kräfte, vor allem zwischen Anhängern und Mitgliedern der Parteien KPD und NSDAP, mit 99 Toten und mehr als 1100 Verletzen. (Virtuelle Ausstellung: Weimarerzeit (1918-1933))
[2] Eggerstedt – Mitglied der SPD bzw. Reichsabgeordneter von 1921-1933 – erhält später eine wesentliche Schuld am Ablauf der Ereignisse; er selbst war aufgrund einer Wahlkampfveranstaltung nicht zugegen, hatte auch seinen Stellvertreter freigestellt und auch seinen Vorgesetzten, den Regierungspräsidenten, uninformiert gelassen. Mit dem so genannten „Preußenschlag“ als Folge des „Altonaer Blutsonntags“ von Papens, bei dem die gesamte preußische Regierung aufgelöst und die Beamten ihres Postens enthoben wurden, verlor auch Eggerstedt seine Position. Nach der Machtübernahme 1933 tauchte er unter, wurde verhaftet und in „Schutzhaft“ genommen und „auf der Flucht“ am 12.Oktober 1933 im KZ Esterwegen erschossen. (Informationen der Gewerkschaft ver.di | Informationen zum Stolperstein in: Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. | Bild des Stolpersteins)
[3] Dazu vermerkt Robert Brack im Epilog: „Der Tod der sechzehn Unschuldigen, die am 17.Juli 1932 von Angehörigen der Hamburger und Altonaer Polizei ermordet wurden, blieb ungesühnt. Bis heute haben weder der Hamburger Senat noch die Bürgschaft noch die Polizeibehörde es für nötig gehalten , sich zu diesen Bluttaten zu bekennen.“ (Robert Brack: Blutsonntag. Edition Nautilus im Verlag Lutz Schulenberg, Hamburg 2010. S.250)
[4] Gedenktafel im Innenhof des Amtsgerichts Altona
[5] Robert Brack: Blutsonntag. Edition Nautilus im Verlag Lutz Schulenberg, Hamburg 2010. S.7
[6] Tatsächlich gab es das erste Aufnahmegerät bzw. wurde das erste auf der Funkausstellung in Berlin 1935 vorgestellt.
[7] Brack, S.143
[8] ebenda, S.172/173
[9] ebenda, S.7
[10] ebenda, S.187
[11] ebenda, S.172
[12] ebenda, 16/17
[13] ebenda, S.143

~*~*~*~*~*~*~*~

Andere Meinungen:

Walter Delabar: Parteienschelte. Robert Bracks Spurenlese in der deutschen Geschichte (literaturkritik.de vom 11.11.2010)
Dominik Nüse bei literature.de (Juli 2010)
Voltaire bei buechereule.de (Juli 2010)
Kriminalakte
Mord und Totschlag in Buch und Film – und anderes (August 2010)

Buchjunkie (Januar 2011)

„Halting State“ (Halting State Series #1)
Ace Books, New York City 2007

Übersetzung aus dem Englischen durch Usch Kiausch
Heyne, München 2010

ISBN-10 3453526872
ISBN-13 978-3453526877

© Heyne

Ich bin vor ein paar Jahren eher zufällig auf Charles Stross gestoßen, vor allem durch die sehr schöne Umschlaggestaltung von Heyne zu „Singularität“ und „Supernova“. Was ich im Inneren fand, war eine Vermischung klassischer Space Opera mit Gedanken und Konzepten des Transhumanismus – quasi eine Neuerfindung des Genres. Mit diesen beiden Titeln hat Stross sich als ein Autor gezeigt, den man im Auge behalten sollte; dieser Eindruck bestätigte sich mit weiteren Bücher, die nach und nach auf Deutsch übersetzt wurden: „Accelerando“ (Welches man sich hier legal kostenlos herunterladen kann) und „Glashaus“, die sich mit der sich immer schnelleren Entwicklung der Menschheit und dem Erreichen der Singularität beschäftigten. „Dämonentor“, der erste Teil seiner Reihe um eine britische Behörde für das Okkulte und ihren Kampf gegen den lovecraft’schen Cthulhu-Mythos; „Kinder des Saturn“, ein Krimi in einer Robotergesellschaft, die sich vor der Wiederkehr des Menschen fürchten. Heute beschäftigen wir uns mit seinem zuletzt auf Deutsch erschienen Roman: „Du bist Tot“, erschienen 2010.

Der Roman schlägt mit 544 Seiten zu Buche, wobei der eigentliche Text nur 509 Seiten beansprucht, den Rest füllt ein ausführliches Glossar. Dieser Glossar erklärt nicht nur Fachbegriffe, die vielleicht nicht jedem Leser geläufig sind, sondern auch seltsame Begriffe und Redewendungen, die sich zwangsläufig aus der Übersetzung und dem kulturellen Hintergrund ergeben. Ein Beispiel: nur wenige im deutschen Sprachraum können mit dem Begriff „Dalek“ was anfangen. Optisch erinnert die Aufmachung an die Computerspiele der „Grand Theft Auto“-Reihe, was aufgrund der Thematik vielleicht keine allzu schlechte Wahl war. Lustigerweise haben es sowohl der Autor als auch William Gibson – der das Testamonial zum Roman schrieb – auf den Umschlag geschafft. Doch genug des Optischen, kommen wir zum Inhalt des Buches.

Die Geschichte beginnt damit, das Sergeant Sue Smith zu einem Tatort gerufen wird, einem Banküberfall. Was im ersten Moment noch relativ normal klang, bis ihr klar wurde, dass es sich um einen Überfall innerhalb einer virtuellen Welt handelte – eine Horde Orks ist von einer anderen virtuellen Realität aus in AVALON VIER eingedrungen, und hat einen Haufen Schätze aus der hiesigen Bank geplündert. Sue ist hoffnungslos mit der Angelegenheit überfordert, aber da sie die erste Beamtin vor Ort war, wird sie der zuständigen Abteilung unterstellt, und lernt mehr über Computerkriminalität als ihr lieb ist. Gleichzeitig wird das Wirtschaftsunternehmen das hinter Hayek – den Betreibern der Bank in AVALON VIER – steht, hellhörig als die Polizei eingeschaltet wird, und schickt ein Krisenteam los, um die Situation vor Ort zu überprüfen. Zu diesem Team gehört auch die junge Wirtschaftsprüferin und Rollenspielerin Elaine Barnaby, die wegen ihrer Spielerfahrung ins Team aufgenommen wird. Da man aber noch einen Spielexperten braucht, einen Programmierer, der Erfahrung hat mit solchen Onlinewelten, wird über eine Jobbörse ein junger Mann namens Jack Reed angeheuert, der wenige Tage vorher seinen Job als Entwickler solcher Welten verloren hat und zu Beginn der Geschichte betrunken durch Amsterdam fällt. Vor Ort stellt sich heraus das der Fall noch viel komplizierter ist als er den Anschein hat – der Chefprogrammierer existiert nicht, bei Hayek geht nicht alles mit rechten Dingen zu, und zu allem Überfluss steckt der Geheimdienst wohl auch noch in der Geschichte mit drin. Die Grenzen zwischen den Vorfällen in der virtuellen Welt und denen der „wirklichen“ Welt verschmelzen immer mehr, als sogar Kämpfe innerhalb des Spiels auf die Wirklichkeit überlappen, und als Hacker die Netzwerke des ganzen Landes außer Gefecht setzen, spitzt sich das ganze immer mehr zu, bis es zur Konfrontation mit dem wahren Schurken kommt…

Fazit:
Während Stross‘ Romane bisher immer in einer fernen Zukunft oder in den Winkeln der britischen Bürokratie angesiedelt waren, ist er mit diesem Roman fast in der Gegenwart angekommen. Es gelingt ihm, ein Bild von Schottland im Jahre 2018 zu zeichnen, das sehr glaubwürdig wirkt – sowohl von der kulturellen Entwicklung her – Schottland als unabhängiges EU-Land – als auch von der technologischen her. Stross zeichnet hier eine Zukunft, in der die virtuelle Realität mit Hilfe von „Smartbrillen“ ergänzt wird, sei es durch eingeblendete Routenplaner, polizeiliche Unterstützung durch COPSPACE (Einem Programm das in die Datenbrillen der Polizisten eingeblendet wird um ihnen bei der Aufklärung von Fällen und dem Erledigen von Papierkram helfen soll) oder tausend andere Kleinigkeiten. Auch sehr gelungen ist sein Weiterspinnen der Entwicklung von MMOs, ARGs und ähnlichen Phänomenen.

Eines der interessantesten Dinge an diesem Roman ist allerdings die Wahl der Erzählperspektive – Stross hat hier die zweite Person gewählt: Du bist Sue Smith und klärst den Fall auf; du bist Jack und kämpfst gegen die Dämonen deiner Vergangenheit; du bist Elaine und versuchst deinen Job zu erledigen. Am Anfang stört die Perspektive, man ist sie nicht gewohnt, und meistens wirkt diese Art zu erzählen eher sperrig, aber Stross gelingt es daraus eine unterhaltsame Lektüre zu formen. Durch diese Perspektive gibt er dem Leser außerdem das Gefühl, es handle sich bei den Charakteren um Avatare, um Charaktere in einem Spiel, Charaktere, in die der Leser quasi wie in einem Abenteuerspiel schlüpfen kann.

Unterm Strich bleibt ein Roman zurück, der nicht nur als einer der ersten – wenn nicht sogar als erster – virtuelle Kriminalität beleuchtet und durch seine ungewohnte Erzählperspektive zum Nachdenken auffordert, sondern dabei auch noch sehr unterhaltsam ist. Ein weiterer Ausnahmeroman von einem Ausnahmeautor. Es bleibt nur noch abzuwarten, wo uns Stross als nächstes hinbringt.

~*~*~*~

Weitere Informationen:

Charles Stross – Du bist tot (Leseprobe auf der Heyne-Homepage)
Charlie’s Diary. Being the blog of Charles Stross, author, and occasional guests
Charles Stross by Authors@Google on October 12, 2007

Andere Meinungen:

„Keine Angst vor dem Halteproblem“ von Franz Birkenhauer im sf-magazin
„Rundschau: Blaue Welten und andere“ von Josefson, September 2010 im STANDARD

„Eine Extrapolation der Gegenwart“ von Frank A. Dudley
Rezension bei kultplatz.net
Rezension bei Holistisches Panoptikum
Rezension von Dennis Montag bei Literatopia.de
Rezension von Ralf Steinberg bei fantasyguide.de
Rezension von nrRrdb0y
Rezension bei „Das Ding auf der Schwelle“ von Charles Dexter Ward