© Windy999

Ansprache eines Bücherwurms

Der Kakerlak nährt sich vom Mist,
Die Motte frißt gern Tücher,
Ja selbst der Wurm ist, was er ißt.
Und ich, ich fresse Bücher.

Ob Prosa oder Poesie,
Ob Mord – ob Heldentaten –
Ich schmause und genieße sie
Wie einen Gänsebraten.

Ich bin ein belesner Herr,
Nicht wie die andern Viecher!
Daß Bücher bilden, wißt auch ihr,
Und ich – ich fresse Bücher.

Die Nahrung, sie behagt mir wohl,
Verleiht mir Grips und Stärke.
Was andern Wurst mit Sauerkohl,
Das sind mir Goethes Werke.

Ich fraß mich durch die Literatur
So mancher Bibliotheken;
Doch warn das meiste, glaub es nur,
Bloß elende Scharteken.

Das Bücherfressen macht gescheit.
So denken sich´s die Schlauen.
Doch wer zuviel frißt, hat nicht Zeit,
Es richtig zu verdauen.

Drum lest mit Maß, doch lest genug,
Dann wird´s euch wohl ergehen.
Bloß Bücher fressen macht nicht klug!
Man muß sie auch verstehen.

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„Halting State“ (Halting State Series #1)
Ace Books, New York City 2007

Übersetzung aus dem Englischen durch Usch Kiausch
Heyne, München 2010

ISBN-10 3453526872
ISBN-13 978-3453526877

© Heyne

Ich bin vor ein paar Jahren eher zufällig auf Charles Stross gestoßen, vor allem durch die sehr schöne Umschlaggestaltung von Heyne zu „Singularität“ und „Supernova“. Was ich im Inneren fand, war eine Vermischung klassischer Space Opera mit Gedanken und Konzepten des Transhumanismus – quasi eine Neuerfindung des Genres. Mit diesen beiden Titeln hat Stross sich als ein Autor gezeigt, den man im Auge behalten sollte; dieser Eindruck bestätigte sich mit weiteren Bücher, die nach und nach auf Deutsch übersetzt wurden: „Accelerando“ (Welches man sich hier legal kostenlos herunterladen kann) und „Glashaus“, die sich mit der sich immer schnelleren Entwicklung der Menschheit und dem Erreichen der Singularität beschäftigten. „Dämonentor“, der erste Teil seiner Reihe um eine britische Behörde für das Okkulte und ihren Kampf gegen den lovecraft’schen Cthulhu-Mythos; „Kinder des Saturn“, ein Krimi in einer Robotergesellschaft, die sich vor der Wiederkehr des Menschen fürchten. Heute beschäftigen wir uns mit seinem zuletzt auf Deutsch erschienen Roman: „Du bist Tot“, erschienen 2010.

Der Roman schlägt mit 544 Seiten zu Buche, wobei der eigentliche Text nur 509 Seiten beansprucht, den Rest füllt ein ausführliches Glossar. Dieser Glossar erklärt nicht nur Fachbegriffe, die vielleicht nicht jedem Leser geläufig sind, sondern auch seltsame Begriffe und Redewendungen, die sich zwangsläufig aus der Übersetzung und dem kulturellen Hintergrund ergeben. Ein Beispiel: nur wenige im deutschen Sprachraum können mit dem Begriff „Dalek“ was anfangen. Optisch erinnert die Aufmachung an die Computerspiele der „Grand Theft Auto“-Reihe, was aufgrund der Thematik vielleicht keine allzu schlechte Wahl war. Lustigerweise haben es sowohl der Autor als auch William Gibson – der das Testamonial zum Roman schrieb – auf den Umschlag geschafft. Doch genug des Optischen, kommen wir zum Inhalt des Buches.

Die Geschichte beginnt damit, das Sergeant Sue Smith zu einem Tatort gerufen wird, einem Banküberfall. Was im ersten Moment noch relativ normal klang, bis ihr klar wurde, dass es sich um einen Überfall innerhalb einer virtuellen Welt handelte – eine Horde Orks ist von einer anderen virtuellen Realität aus in AVALON VIER eingedrungen, und hat einen Haufen Schätze aus der hiesigen Bank geplündert. Sue ist hoffnungslos mit der Angelegenheit überfordert, aber da sie die erste Beamtin vor Ort war, wird sie der zuständigen Abteilung unterstellt, und lernt mehr über Computerkriminalität als ihr lieb ist. Gleichzeitig wird das Wirtschaftsunternehmen das hinter Hayek – den Betreibern der Bank in AVALON VIER – steht, hellhörig als die Polizei eingeschaltet wird, und schickt ein Krisenteam los, um die Situation vor Ort zu überprüfen. Zu diesem Team gehört auch die junge Wirtschaftsprüferin und Rollenspielerin Elaine Barnaby, die wegen ihrer Spielerfahrung ins Team aufgenommen wird. Da man aber noch einen Spielexperten braucht, einen Programmierer, der Erfahrung hat mit solchen Onlinewelten, wird über eine Jobbörse ein junger Mann namens Jack Reed angeheuert, der wenige Tage vorher seinen Job als Entwickler solcher Welten verloren hat und zu Beginn der Geschichte betrunken durch Amsterdam fällt. Vor Ort stellt sich heraus das der Fall noch viel komplizierter ist als er den Anschein hat – der Chefprogrammierer existiert nicht, bei Hayek geht nicht alles mit rechten Dingen zu, und zu allem Überfluss steckt der Geheimdienst wohl auch noch in der Geschichte mit drin. Die Grenzen zwischen den Vorfällen in der virtuellen Welt und denen der „wirklichen“ Welt verschmelzen immer mehr, als sogar Kämpfe innerhalb des Spiels auf die Wirklichkeit überlappen, und als Hacker die Netzwerke des ganzen Landes außer Gefecht setzen, spitzt sich das ganze immer mehr zu, bis es zur Konfrontation mit dem wahren Schurken kommt…

Fazit:
Während Stross‘ Romane bisher immer in einer fernen Zukunft oder in den Winkeln der britischen Bürokratie angesiedelt waren, ist er mit diesem Roman fast in der Gegenwart angekommen. Es gelingt ihm, ein Bild von Schottland im Jahre 2018 zu zeichnen, das sehr glaubwürdig wirkt – sowohl von der kulturellen Entwicklung her – Schottland als unabhängiges EU-Land – als auch von der technologischen her. Stross zeichnet hier eine Zukunft, in der die virtuelle Realität mit Hilfe von „Smartbrillen“ ergänzt wird, sei es durch eingeblendete Routenplaner, polizeiliche Unterstützung durch COPSPACE (Einem Programm das in die Datenbrillen der Polizisten eingeblendet wird um ihnen bei der Aufklärung von Fällen und dem Erledigen von Papierkram helfen soll) oder tausend andere Kleinigkeiten. Auch sehr gelungen ist sein Weiterspinnen der Entwicklung von MMOs, ARGs und ähnlichen Phänomenen.

Eines der interessantesten Dinge an diesem Roman ist allerdings die Wahl der Erzählperspektive – Stross hat hier die zweite Person gewählt: Du bist Sue Smith und klärst den Fall auf; du bist Jack und kämpfst gegen die Dämonen deiner Vergangenheit; du bist Elaine und versuchst deinen Job zu erledigen. Am Anfang stört die Perspektive, man ist sie nicht gewohnt, und meistens wirkt diese Art zu erzählen eher sperrig, aber Stross gelingt es daraus eine unterhaltsame Lektüre zu formen. Durch diese Perspektive gibt er dem Leser außerdem das Gefühl, es handle sich bei den Charakteren um Avatare, um Charaktere in einem Spiel, Charaktere, in die der Leser quasi wie in einem Abenteuerspiel schlüpfen kann.

Unterm Strich bleibt ein Roman zurück, der nicht nur als einer der ersten – wenn nicht sogar als erster – virtuelle Kriminalität beleuchtet und durch seine ungewohnte Erzählperspektive zum Nachdenken auffordert, sondern dabei auch noch sehr unterhaltsam ist. Ein weiterer Ausnahmeroman von einem Ausnahmeautor. Es bleibt nur noch abzuwarten, wo uns Stross als nächstes hinbringt.

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Weitere Informationen:

Charles Stross – Du bist tot (Leseprobe auf der Heyne-Homepage)
Charlie’s Diary. Being the blog of Charles Stross, author, and occasional guests
Charles Stross by Authors@Google on October 12, 2007

Andere Meinungen:

„Keine Angst vor dem Halteproblem“ von Franz Birkenhauer im sf-magazin
„Rundschau: Blaue Welten und andere“ von Josefson, September 2010 im STANDARD

„Eine Extrapolation der Gegenwart“ von Frank A. Dudley
Rezension bei kultplatz.net
Rezension bei Holistisches Panoptikum
Rezension von Dennis Montag bei Literatopia.de
Rezension von Ralf Steinberg bei fantasyguide.de
Rezension von nrRrdb0y
Rezension bei „Das Ding auf der Schwelle“ von Charles Dexter Ward

„Dass du die Dinge nur auf deine Art siehst, bedeutet nur, dass du sie eben so siehst, nicht, dass sie wirklich so sind. Jeder Einzelne ist eine Welt für sich und es gibt unendlich viele Welten.“

aus: Rodrigo Rey Rosa (2003): Der Henker des Friedens (OT: „Que Me Maten Si…“, Übersetzung aus dem guatemaltekischen Spanisch von Erich Hackl). Wagenbach (= WAT ; Bd. 474), Berlin. S.16